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Wiederentdeckte Hygiene-RegionEs liegt was auf der Zunge –
tägliche Reinigung für guten Atem

01. Januar 2004

Sie ist das Instrument zum Schmecken und Sprechen. Manchmal küsst man auch mit ihr. Albert Einstein hat sie frech herausgestreckt, und sie ist das Markenzeichen der Rolling Stones: Die Zunge hat eine existentielle Bedeutung für den Menschen und ist Kultobjekt zugleich – doch erfährt sie meist nicht die Pflege, die ihr eigentlich zustehen sollte. Das könnte sich jetzt langsam ändern, denn die Zunge rückt beharrlich in den Fokus der Medizin: So ist sie etwa, bei all ihren Vorzügen, längst als Quelle für Mundgeruch enttarnt – der Bakterienbelag auf ihrer Oberfläche sorgt für üblen Atem und steht im Verdacht, sogar die Gesamtgesundheit zu beeinträchtigen. Experten wie Prof. Andrej M. Kielbassa von der Berliner Universitätsmedizin raten daher zur täglichen Reinigung der Zunge.

Was jeden Tag perfekt funktionieren muss, Freude und Lebensqualität bringt, das sollte auch regelmäßig gepflegt werden. Die Zunge macht da bei den Hygienemaßnahmen der Bevölkerung aber leider allzu oft eine Ausnahme. Dabei ließe sich mit ihrer täglichen Reinigung sogar so etwas wie ein Volksleiden heilen: Mundgeruch (medizinisch: Halitosis). Noch immer glauben die meisten Betroffenen und auch viele Ärzte und Zahnärzte, die Hauptursache für üblen Atem sei im Bereich des Magen-Darm-Traktes oder des Stoffwechsels zu finden – zahlreiche Patienten lassen daher Gastroskopien und andere Untersuchungen über sich ergehen. Doch weiß es die Wissenschaft heute besser: In bis zu 90 Prozent der Fälle geht Halitosis vom Mundraum aus – und dabei wiederum am häufigsten von der Oberfläche der Zunge. Dort bietet sich Bakterien ein ideales Milieu. Mögliche Folge ist neben dem Mundgeruch auch die Beeinträchtigung der Geschmacksfähigkeit. Zudem bildet die Zunge ein Reservoir für die unmittelbare Rückbesiedelung des Zahnbelags, der durch Mundhygiene-Maßnahmen zuvor entfernt wurde.

Prof. Dr. med. dent. Andrej M. Kielbassa von der Charité – Universitätsmedizin Berlin rät daher nicht allein wegen des Mundgeruchs zur täglichen Zungenreinigung: „Die Zungenoberfläche bietet den Bakterien mit ihren unzähligen Mikro-Nischen ideale Lebensbedingungen. Somit tragen die Mikroorganismen ständig zur Rückbesiedlung der Zähne nach dem Putzen bei. Will man also Plaque nachhaltig von Zähnen und Zahnfleisch entfernen und die Gesamtzahl der Bakterien im Mundraum wirksam mindern, dann sollte man neben den Zähnen auch die Zunge täglich säubern. Das kann sogar eine positive Auswirkung für die Gesamtgesundheit des Körpers haben. Ich kann daher allen Zahnärzten, aber auch den anderen mit der Gesunderhaltung der Mundhöhle beschäftigten Professionen empfehlen, ihre Patienten in dieser Hinsicht zu informieren.“

Allerdings ruft der Gedanke, sich die Zunge zu reinigen, noch immer Unverständnis hervor. Der Glaube, das Milieu auf der Zunge sei nun einmal natürlich und somit auch im Einklang mit Körper und Gesundheit, ist vielerorts noch fest verankert. Zählt eine saubere Zunge in den USA schon eher zum guten Geschmack, gibt es in Deutschland einen erheblichen Nachholbedarf: Hier gehört die Reinigung der Zunge bis heute nur bei sehr wenigen Menschen zur Hygiene-Routine, doch lassen Berichte in den Medien ein langsam aufkeimendes Interesse erkennen. Auch die Medizin nimmt sich des Themas verstärkt an: Schon haben Universitäten erste Halitosis-Sprechstunden eingerichtet – die Reinigung der Zunge ist dabei ein wichtiger Eckpfeiler zur Therapie. Und die tut Not: Übler Atem ist ein ausgesprochen unangenehmes Phänomen – durch ihn erfährt das zwischenmenschliche Dasein eine empfindliche Beeinträchtigung. Und weder Bonbons noch Kaugummis können das Problem auf Dauer lösen, das Millionen betrifft: So wird geschätzt, dass mindestens 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Europa unter Mundgeruch leidet – einige Quellen für Staaten anderer Kontinente sprechen sogar von mehr als 50 Prozent!

Meist liegt die Ursache förmlich auf der Zunge: Etwa zwei Drittel der gesamten Bakterien in der Mundhöhle sind auf ihrer Oberfläche angesiedelt. Der Belag besteht aus Blut- und Speichelbestandteilen, Nahrungsresten, abgeschilferten Mundschleimhautzellen und Mikroorganismen. Und Untersuchungen belegen die direkte Verbindung zum Mundgeruch: Je größer der Belag, desto intensiver auch der üble Atem, lassen sich die Ergebnisse auf den Punkt bringen. Dabei spielt offenbar auch die Oberflächengestalt der Zunge eine wichtige Rolle – so schaffen die Ablagerungen in tiefen Furchen ein besonders bakterienfreundliches Milieu. Im Experiment kann die Geruchsbildung Schritt für Schritt nachvollzogen werden. Dabei entstehen im frischen Speichel bereits nach wenigen Stunden eine Reihe von flüchtigen Verbindungen, vor allem so genannte Amine und Schwefelverbindungen, die auch als VSC (Volatile Sulphur Compounds) bezeichnet werden. Besonders leicht zu erfassen für die menschliche Nase ist dabei das Methylmercaptan, das 100 mal intensiver riecht als Schwefelwasserstoff!

Bereits die alten Kulturvölker kannten Erfolgsrezepte gegen Mundgeruch: „Es ist dem Inder also genau vorgeschrieben, wie er den Tag zu beginnen hat... Als zweites folgt sodann das Reinigen der Zähne mit frischen Zahnstöckchen, die von den Zweigen gewisser Bäume genommen werden müssen... Dann wird die Zunge mit einem Zungenschaber (jivanirlekhana) geschabt. Jetzt folgt erst die Reinigung des übrigen Körpers...“ – so steht es in einer Schrift aus dem Jahre 1901 geschrieben. Und auch die Chinesen wußten einer Quelle aus dem Jahre 1927 zufolge schon früh Rat: „...Daneben gebrauchen sie den Zungenschaber, einen 10 cm langen und 8 mm breiten Metallstreifen, der als ständiger Begleiter zusammen mit dem Ohrlöffel oft am Knopfloch getragen wird.“

Für die heutigen Generationen mag sich dies grotesk anhören. Es ist daher viel Aufklärungsarbeit notwendig, um ein Bewusstsein für die Hygieneregion Zunge zu schaffen – damit auch sie zum Gegenstand der täglichen Mundpflege wird. In Anlehnung an den Zungenschaber von einst empfiehlt sich die mechanische Reinigung des Zungenrückens mit modifizierten, praktischen – und auch akzeptierten – Hilfsmitteln. Zudem bieten sich chemische Alternativen an, also Mundpflegeprodukte, die ihren Wirkungskreis auf den bakteriellen Belag bis in die Papillen – den kleinen, warzenförmigen Strukturen auf dem Zungenrücken zur Tast- und Geruchswahrnehmung – ausdehnen. Welche Methode aber auch immer gewählt wird, man tut sich in zweifacher Hinsicht einen Gefallen: Zum einen wird dem Mundgeruch entgegengesteuert, zum anderen lässt sich die gesundheitsschädliche Rückbesiedelung der Bakterien auf der Zungenoberfläche vermindern. So ist es absehbar, dass die Zungenhygiene mit der entsprechenden Aufklärungsarbeit verschiedener Heilberufe – selbstverständlich wie das Zähneputzen – auch hierzulande bald zum täglichen Hygienestandard zählen wird. Von alten fernöstlichen Weisheiten, die mehr oder weniger die vollkommene Reinheit zum Inhalt haben, kann man also scheinbar auch bei der modernen Mundpflege profitieren.


Für weitere Informationen

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Dr. Matthias Lehr
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